earth
FOCUS online Earth widmet sich der Klimakrise und ihrer Bewältigung.
Faktenzentriert. Fundiert. Konstruktiv. Jeden Freitag als Newsletter.
Rechtstext wird geladen...
Noch weit weg von Deutschland
Noch heute liegt der durchschnittliche Anteil erneuerbarer Energien in Australien nur bei etwa 35 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland stammt bereits etwa 60 Prozent des Stroms aus kohlenstofffreien Quellen. Doch bis 2030 will Australien 82 Prozent erneuerbare Energie im Stromnetz erreichen. Dafür werden Australiens Kohlekraftwerke nach und nach geschlossen, während gleichzeitig die Kosten für Solar- und Windenergie sinken.
Mehr aus dem Bereich Earth
Meistgelesene Artikel der Woche
Wie konnte die die australische Hauptstadt eine saubere Energieinsel in einem Meer fossiler Brennstoffe werden?
Die eigene Regierung ignoriert
Mitte der 2010er-Jahre, als Australiens konservative Regierung landesweit Programme für erneuerbare Energien stoppte, um die Abhängigkeit von Kohle und Gas zu erhalten, kam Investition in saubere Energie zum Erliegen, sagt Geoffrey Rutledge. Er ist stellvertretender Generaldirektor für Umwelt, Wasser und Emissionsreduzierung der ACT-Regierung.
Doch entgegen der nationalen Politik entschied sich die Regierung der Hauptstadtregion ACT, unabhängig zu handeln und große Investitionen in neue Solar- und Windkraftprojekte zu tätigen, um ihr Netz zu dekarbonisieren. Das war der "einfachste und kostengünstigste" erste Schritt hin zu ihrem Ziel der Netto-Null-Emissionen bis 2045, so Rutledge.
"Sie hatten eine Vision"
Dabei profitierte Canberra von der umweltfreundlichen Mitte-Links-Regierung in der Stadt, die seit 2001 an der Macht ist, sowie von einer sehr klimabewussten Bevölkerung, erklärt Energieexperte Greg Bourne von der unabhängigen australischen Klimaschutzorganisation The Climate Council.
"Sie hatten eine langfristige Vision", sagt er. Dank der beständigen Regionalregierung ging die Hauptstadtregion eigene Wege, trotz der damaligen Klimapolitik auf nationaler Ebene. "Sie haben die Machenschaften der Bundesregierung und der fossilen Brennstofflobbyisten ignoriert."
Delegation nach Deutschland
Canberra orientierte sich dabei auch an europäischen Ländern. Als es 2016 sein eigenes Zentrum für erneuerbare Energien gründete, entsandte es eine Delegation nach Freiburg in Deutschland, einem Vorreiter der Solarenergie, um Innovation und Investitionen im Bereich erneuerbare Energien voranzutreiben.
Auch bahnbrechende Forschungen zu Solarpaneelen an der Australian National University in Canberra trugen laut Bourne zum Erfolg bei.
Einzigartige Lage
Die Stadt begann, Verträge mit Unternehmen für erneuerbare Energien abzuschließen, die die größten Wind- und Solarprojekte des Landes entwickeln sollten – sowohl innerhalb der Hauptstadtregion ACT, aber auch in den größeren australischen Bundesstaaten. Die erneuerbare Energie, die zunehmend ins Netz eingespeist wurde, glich den fossilen Energieverbrauch der Hauptstadt-Bewohner schrittweise aus, erklärte Rutledge.
Canberra war damit in einer einzigartigen Lage. Die Stadtregion setzte frühzeitig auf erneuerbare Energien, als das Interesse daran noch gering war, sagte Rutledge. Im Gegensatz zu größeren australischen Bundesstaaten gab es dort keine bestehenden Investitionen in große, teure Kohle- oder Gaskraftwerke.
Wenn die Stromrechnung 300 Euro geringer ist
Zusätzlich zu drei Solarfarmen in der Region Canberra werden etwa 95 Prozent der erneuerbaren Energie durch fünf Windparks erzeugt, die sich in geeigneten Orten in den Bundesstaaten New South Wales, Victoria und South Australia befinden. Diese Energie floss nicht direkt nach Canberra, sondern wurde ins nationale Stromnetz eingespeist, um die frühere Abhängigkeit des ACT von Kohlestrom auszugleichen.
Die Bewohner Canberras zahlen laut Rutledge heute zwischen 257 und 385 AUD (245-367 Euro) weniger für ihre jährlichen Stromrechnungen als ihre Nachbarn im Bundesstaat New South Wales. Das liegt daran, dass der feste Preis für erneuerbare Energien in der Region Canberra oft niedriger ist als der Strompreis aus fossilen Brennstoffen, die anfällig für Marktschwankungen sind.
Die Hauptstädter profitieren auch von einem "hochgradig dezentralisierten" Energiesystem, in dem Bürger selbst Energie erzeugen, indem sie Elektrofahrzeuge nutzen oder ihre Häuser mit Solarstrom versorgen. Viele Hausbesitzer in Canberra haben Solardächer. Dank staatlicher Subventionen verfügt Australien weltweit über die meisten Solarpaneele pro Kopf.
"Energie wird fast überall erzeugt"
Als die Region Canberra im Jahr 2018 ein ehrgeiziges Ziel für Netto-Null-Emissionen bis 2045 festlegte, wollte man sich auch von dem Modell der 1960er Jahre entfernen. Damals waren große Metropolen auf riesige, zentralisierte Kraftwerke angewiesen.
Inzwischen ist es anders: "Energie wird fast überall erzeugt, überall genutzt und überall gespeichert", sagt Bourne.
Dazu gibt es überall in der Hauptstadtregion Batteriespeicherprojekte, um die Abhängigkeit vom zentralen Stromnetz zu reduzieren. Dazu gehören 5000 Speicherbatterien in Häusern und Unternehmen.
Ein "Vehicle-to-Grid"-Pilotprojekt testet, wie die Batterien von Elektroautos genutzt werden können, um Häuser und Krankenhäuser mit Strom zu versorgen und so Stromausfälle zu vermeiden.
In den nächsten fünf Jahren soll außerdem der gesamte Bestand sozialer Wohnungen elektrifiziert werden, dann werden dort keine Gas- oder Ölgeräte mehr verwendet.
Jetzt wird Canberra zum Vorbild für andere
Canberra als Pionier für saubere Energie inspiriert inzwischen auch andere australische Bundesstaaten.
Konservative Oppositions-Politiker in Australien wollen mehr Atomenergie, doch gleichzeitig wachsen die erneuerbare Energien. Energieexperten erwarten, dass die letzten unrentablen Kohlekraftwerke innerhalb der nächsten zehn Jahre geschlossen werden.
Laut dem australischen Clean Energy Council According wurden allein 2024 landesweit mehr als 5.4 Million Euros (5.7 $) in Solar-und Windprojekte investiert. Die amtierende Mitte-Links-Regierung hat zudem kürzlich das weltweit größte Solar- und Batteriespeicherprojekt im Norden des Landes genehmigt.
Für Bourne ist klar: "Es geht darum, in die Zukunft zu gehen und nicht an der Vergangenheit festzuhalten."
+++ Keine Klima-News mehr verpassen - abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal +++
Der Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert von Anke Rasper
Redaktion: Tamsin Walker
Von Stuart Braun
Das Original zu diesem Beitrag "Canberras Weg zu 100 % erneuerbaren Energien" stammt von Deutsche Welle.