"Wir machen sie für die Ewigkeit": Der überraschende Windrad-Trick, mit dem ein Ski-Riese sein CO2-Problem lösen will

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Auch der Betrieb von Seilbahnen und Skiliften hat es in sich: Ohne grünen Strommix können 190.000 Tonnen CO2 im Jahr entstehen, das ist etwa so viel, wie 95.000 durchschnittliche Pkw-Verbrenner im Jahr emittieren. Die Branche ist sich dessen bewusst, viele nutzen bereits teils oder ausschließlich Ökostrom zum Betrieb der Skigebiete. Auch die Emissionen durch die Anreise der Besucher können durch entsprechende Mobilitätskonzepte verringert werden. Doch wie steht es eigentlich um das Produkt Ski selbst? 

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Ein Ski-Tüftler und seine Mission

Besuch in Altenmarkt im Pongau, unweit von Salzburg: Hier, umgeben von den schneebedeckten Bergen der Niederen Tauern, liegt der Sitz von Atomic. Das österreichische Unternehmen stattet auch zahlreiche Spitzensportler aus, Goldmedaillen inklusive. Die größte Herausforderung findet aber fernab von Pisten oder Riesenslalom statt: Atomic will seinen CO2-Impact reduzieren. 

Die Emissionen in der Ski-Produktion entstehen in allen Bereichen der Wertschöpfungskette, sei es durch den Import des Holzes, aus dem der Ski besteht oder den Transport zum Händler. Unternehmen, die die CO2-Bilanz ihrer Produkte verbessern wollen, haben meistens zwei Möglichkeiten:

Entweder, sie setzen eine Dekarbonisierung der der gesamten Wertschöpfungskette durch. Oder sie schaffen einen Kreislauf, um das Produkt oder Teile davon wiederzuverwenden. 

Atomic probiert beides. Verantwortlich dafür ist Helmut Holzer, Chef der Qualitätssicherung und des Nachhaltigkeitsteams in Personalunion. Hier würde man ihn vermutlich einen "alten Hasen" nennen, schon seit seiner Studienzeit in den 1980ern beschäftigt er sich mit Nachhaltigkeit. Der großgewachsene, ältere Herr ist - wie fast die gesamte Belegschaft - ein begeisterter Skifahrer. Bei Atomic hat er die Nachhaltigkeitsstrategien des Unternehmens der letzten zwei Jahrzehnte maßgeblich geprägt. Kurz: Wenn einer weiß, wo und wie man ansetzen muss, dann er. 

Helmut Holzer ist Nachhaltigkeitschef bei Atomic. Atomic

CO2 im Ski: 80 Prozent stammen aus Rohmaterialien

Für Option 1 muss von Anfang bis Ende klar sein, wo wie viel CO2 entsteht. Daran lässt sich dann knobeln: Die Umweltbilanz hat gezeigt, erklärt der 61-Jährige in der Atomic-Zentrale, dass rund 80 Prozent des CO2-Impacts bei den Skiern von den Rohmaterialien stammt. Heißt: Holz, Aluminium oder Stahl, manchmal auch Kunststoffe. 

Könnte der Ski-Tüftler Helmut Holzer sich nun an die Lieferanten wenden, bitteschön ihre Emissionen zu drücken? So einfach ist es leider nicht. Atomic kämpft mit den gleichen Problemen wie jeder andere Hersteller: Lieferanten beschäftigen Subunternehmer, die wiederum von Subunternehmern beziehen. Das Resultat: Undurchsichtige Lieferketten. Als Unternehmen kann Atomic zwar an einigen Schrauben drehen. Das Grundproblem bleibt allerdings bestehen: Sind die Rohmaterialien CO2-intensiv, gilt das auch für die Ski. 

Das führt uns also zu Option 2: Recycling. Idealerweise werden Rohstoffe niemals zu Müll, sondern immer wieder in den Produktionszyklus eingegliedert. In einem der Konferenzräume, dessen Wände mit Fotos von Athletinnen und Athleten samt Medaillen gesäumt sind, erklärt Holzer seine Idee: Indem das Unternehmen seine Skier in seine Bestandteile auflöst, werden diese erneut dem Produktionszyklus zugeführt. Für Atomic bedeutet das nicht nur, dass die eigenen Produkte eine wesentlich längere Lebensdauer haben. Es führt auch dazu, dass sie ihre Emissionen für die Ski-Produktion fast um die Hälfte drücken können. Was einfach klingt, ist ziemlich revolutionär: Die Inspiration dafür kommt nämlich von Windrädern. Denn das Verfahren, mit dem diese recycelt werden, könnte auch bei Ski zum Einsatz kommen.

Aus solchen Holzkernen fertigt Atomic bis zu 1.500 Ski pro Tag. Atomic

Ski für die Ewigkeit - bis es um Recycling geht

Dabei stieß der 61-Jährige auf folgendes Grundproblem: „Wenn wir Ski produzieren, machen wir sie für die Ewigkeit”, erklärt er stolz. Sowohl Athleten als auch Hobbysportler und Familien setzen natürlich darauf, aber für Atomic wird das paradoxerweise zu einem ausgewachsenen Problem: Bis zu 40 Kilogramm CO2-Äquivalente schwer, um genau zu sein. Holzer und sein Team wissen bereits, dass ein Großteil davon aus den Rohmaterialien stammt, zum Beispiel vom Holz für den Kern oder von Aluminium und Stahl für die Kanten des Skis. 

In der Produktion werden auch Stahlkanten verwendet. Mirjam Geh

Das Geheimnis des Epoxidharzes

Der wichtigste Rohstoff und zentral für die Ski-Bastelei: Epoxidharz. Diese widerstandsfähigen und vielseitigen Kunststoffe sind nötig, um alle Schichten vor Feuchtigkeit zu schützen und die einzelnen Bauteile zusammenzuhalten.

Die Substanz ähnelt Hartplastik, verleiht Stabilität und kommt daher auch in einer höheren Größenordnung zum Einsatz: Windräder. Die Kunststoffe haben besonders gute mechanische und thermische Eigenschaften und sind außerdem noch leichter als Metall. Sie sollen die Rotorenblätter vor Schäden durch Stürme und Feuchtigkeit schützen.

Doch genau das wird ihnen zum Verhängnis, denn sie galten deswegen lange als nicht-recyclebar und wurden mechanisch recycelt, sprich: Geschreddert. Mittlerweile jedoch gibt es ein neues Epoxidharz, das sich unter großer Hitze schmelzen und verformen lässt, ohne die Struktur des Materials zu schädigen. Für das Recycling von Rotorenblättern war das ein Gamechanger, denn jetzt können die Epoxidharzverbindungen aufgelöst und die Bauteile der Rotorenblätter neu verwendet werden. Und genau diesen Trick hat sich Atomic abgeschaut. 

Shaping The Future of Skiing

Vom 4. bis zum 16. Februar fand die Ski-WM in Saalbach-Hinterglemm statt. Gleichzeitig feierte der österreichische Ski-Hersteller Atomic sein 70-Jähriges Bestehen. Dafür lud das Unternehmen zu einem Besuch bei der Produktionsstätte in Altenmarkt im Pongau sowie zur Weltmeisterschaft in Saalbach ein. Auch FOCUS online Earth war Teil dieser Pressereise. 

Der Windrad-Trick

Nun ist ein durchschnittliches On-Shore Windrad ungefähr 88-Mal größer als der erfolgreichste Atomic Renn-Ski und das Verfahren logischerweise nicht nahtlos übertragbar. Der Hersteller hat sich also mit dem dänischen Windanlagen-Hersteller Vestas und dem Dänischen Technologie Institut (DIT) zusammengetan und ein Forschungsprojekt gestartet. Das Ergebnis: Theoretisch kann ein Paar Ski vollständig auseinandergenommen und zu einem neuen Produkt recycelt werden.

Das DIT hat dazu Skier mit ins Labor genommen und eine spezielle Säure entwickelt. Diese löst das Epoxidharz, das die Skier ummantelt und zusammenhält, auf. So lassen sich wiederum die Bauteile des Skis auseinander bauen. Für Ski war dies bislang nur im Labor möglich, erklärt PR-Manager Denis Dietrich.

„Mit den einzelnen Schichten könnte man theoretisch einen komplett neuen Ski bauen“, ergänzt Holzer.

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Logistischer Aufwand grätscht bei Recycling-Traum rein

Was also hindert den Konzern also daran, genau das zu tun? “Organisatorisch ist das ein Wahnsinnsaufwand”, meint Holzer und hebt beide Hände abwehrend. “Man muss den Ski nicht nur zerlegen, sondern möglichst am gleichen Tag wieder bauen, um Lagerwirtschaft zu vermeiden. Damit das Ganze möglichst effizient ist, bräuchten wir am besten 100-Mal den gleichen Ski.“

Rein theoretisch könnte das funktionieren: Im Rahmen eines Programms mit Händlern hat der Hersteller eine Rücknahmeaktion bei Skischuhen gestartet und damit fast 10 Tonnen an Material gesammelt und recycelt. Doch das ist nicht genug - und für eine Produktion vor Ort für Skier wird ohnehin mehr Material benötigt.

Hinzu kommt: Als Skihersteller ist das Unternehmen wiederum an auf Recycling spezialisierte Unternehmen gebunden. „Obwohl wir der größte Skihersteller sind, sind wir zu klein für Recyclingunternehmen”, sagt der Pongauer und fährt fort: “Anders gesagt: Die Masse, die wir bewegen, ist zu gering und für Recyclingunternehmen uninteressant.“

Windrad in einem Waldstück irgendwo in Deutschland (Symbolbild). Westend61/Getty Images

Kommt als nächstes die "Recycling-Allianz"?

Denkbar wäre, dass sich mehrere Hersteller mit Atomic zusammenschließen, eine Art “Recycling-Allianz” gründen und mit ihrer gesammelten Materialmenge auf Recyclingunternehmen zugehen und diese beauftragen. Doch auch hier entsteht der von Holzer beschriebene “Wahnsinnsaufwand”. Deswegen hat das Unternehmen bereits zweimal eine große Konferenz ausgerichtet, das sogenannte "Climate Summit" - aus der Not, neue Strategien zu entwickeln. 

Andererseits ist man natürlich trotz gemeinsamer Mission im Skisport unter den Herstellern vorsichtig, schließlich handelt es sich um Produkte, die wettbewerbsentscheidend sind. Aller guten Intentionen zum Trotz will niemand zu viel preisgeben.

Der grauhaarige Tüftler und sein Team lassen sich davon aber nicht abbringen: Während der Recycling-Traum bis auf Weiteres genau das bleiben wird, haben sie es immerhin geschafft, durch eine Änderung im Design bei einigen ihrer Ski die Emissionen zu senken - teilweise um bis zu 24 Prozent weniger CO2-Äquivalente fallen an. Ein paar Stellschrauben zum Drehen gibt es also immer.

Und wenn Ski-Tüftler Helmut Holzer noch einen genialen Einfall hat, könnte der Atomic-Rennkader nicht nur wieder mehrere Goldmedaillen mitnehmen, sondern seine Sportlerinnen und Sportler vielleicht sogar auf recycelten Ski über die Abfahrt schicken.