Der Stachel muss tief sitzen. Sehr tief. Nicht anders ist das Wut-Statement zu erklären, das Thomas Röwekamp am Vormittag des 25. Februar über die sozialen Medien in die Welt setzte.
In der Wortmeldung machte der 58-Jährige die Gründe für seine tiefe Abneigung gegen Radio Bremen öffentlich – und erhob schwere Vorwürfe gegen die kleinste Landesrundfunkanstalt der ARD. Der Sender agiere „scheinheilig“ und sei „qualitativ sehr schlecht“. Tagelang sei „eine unwahre Berichterstattung“ über ihn verbreitet und trotz Zusagen nicht korrigiert worden, monierte Röwekamp.
Dann zog der Rechtsanwalt und Notar richtig vom Leder: „Wenn in Deutschland 64 Prozent der Journalisten links-grün sind, sind es bei diesem Sender meiner Meinung nach mehr als 99 Prozent.“
Er sei überzeugt, dass Radio Bremen „weder überparteilich noch unabhängig ist, sondern Teil der linksgrünen Meinungsbildung“. Es finde eine „Vermischung von Bericht und linker Meinung“ statt, so der Kritiker.
CDU-Politiker Röwekamp stellt Radio Bremen an Pranger
Jetzt wehrt sich der Sender mit Intendantin Yvette Gerner (Mitglied der SPD) an der Spitze – und streitet vehement ab, linkslastig zu sein.
„Dieser Vorwurf, der lediglich auf der persönlichen Sicht von Herrn Röwekamp beruht, hat unsere Belegschaft besonders getroffen“, so eine Sprecherin gegenüber FOCUS online. Der Vorhalt „diskreditiert die journalistische Arbeit“ aller Sender-Kollegen. „Wir weisen diese undifferenzierte Pauschalkritik zurück.“
Auch wenn Röwekamp jetzt Gegenwind bekommt – im Kern hat er nur das wiedergegeben, was nicht wenige Menschen denken. Nämlich, dass zumindest Teile des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) und bestimmte Journalisten ihren Job nicht seriös machen.
In ARD, ZDF und Deutschlandradio fehle es an Meinungsvielfalt, heißt es oft, die Berichterstattung sei unausgewogen oder nicht objektiv. Stattdessen versuchten die Sender, die Meinung der Menschen in eine Richtung zu lenken und „ein bestimmtes Weltbild zu etablieren“ (Neue Zürcher Zeitung) – nämlich ein links-grünes.
Und auch bei seiner Einschätzung zur politischen Einstellung („64 Prozent der Journalisten links-grün“) liegt Röwekamp tendenziell richtig. Eine Erhebung der TU Dortmund von 2024 brachte zutage, dass 41 Prozent der deutschen Journalisten den Grünen zuneigen, 16 Prozent der SPD und sechs Prozent der Linken.
Insofern vertritt Röwekamp keine Einzelmeinung.
Sender weist Kritik zurück - gemischte Reaktionen im Netz
Allerdings, und das ist das Spezielle an dem Fall: Der Mann, der Radio Bremen öffentlich an den Pranger stellte und dem Sender seit langem jegliche Interviews und Stellungnahmen verweigert, ist ein gestandener CDU-Politiker. Thomas Röwekamp, einst Innensenator in der Bremer Landesregierung, sitzt seit 2021 im Deutschen Bundestag, aktuell gehört er dem Verteidigungsausschuss an. Seine Stimme hat also Gewicht.
Dass sich Politiker über einzelne Berichte aufregen oder auch mal am Gesamtauftritt eines Medienhauses rummäkeln, kommt öfter vor. Aber dass ein Volksvertreter einem unliebsamen Sender hartnäckig jedes Interview verweigert und ihn öffentlich niedermacht, passiert eher selten.
Als legendär in diesem Zusammenhang ist Altkanzler Helmut Kohl zu nennen, wie Röwekamp ein Christdemokrat. Er sprach 16 Jahre lang nicht mit dem von ihm verachteten Magazin „ Der Spiegel“. International gesehen erinnert Röwekamps Sender-Boykott an das Gebaren von Donald Trump. Der US-Präsident watscht Medien, deren Berichterstattung ihm nicht passt, öffentlich ab und schließt sie von offiziellen Terminen dauerhaft aus.
Die Reaktionen auf Röwekamps bitterböse Abrechnung mit Radio Bremen fallen unterschiedlich aus. In den Kommentarspalten etwa bei Facebook findet man einige Beifallsbekundungen.
- „Sehr gut, unterstütze ich voll und ganz.“
- „Genauso verhält es sich, keine neutrale Berichterstattung. Danke für dieses Statement.“
- „Genau auf den Punkt gebracht! Sehr gute Entscheidung!“
- „Wow, der traut sich was.“
- „Sie sprechen vielen aus der Seele.“
- „Den Eindruck haben nicht nur Sie, das ist allerdings schon immer so gewesen, leider.“
Trump-Stil: „Bekommen wir amerikanische Verhältnisse?“
Aber es gibt auch andere Stimmen, etwa diese:
- „Was ich – freundlich formuliert – schade finde, ist, sich einem ernstgemeinten Dialog zu entziehen. Das ist einfach schwach.“
- „In meinen Augen hat jemand keinen Arsch in der Hose, wenn er sich dem Dialog entzieht… Ganz schön erbärmlich für einen Christdemokraten.“
- „Diese Stellungnahme ein paar Tage nachdem Trump AP von einer Pressekonferenz ausgeladen hat, lässt schon tief blicken in die Seele der Union in Deutschland.“
- „Bekommen wir jetzt amerikanische Verhältnisse?“
- „Langsam aber sicher bekomme ich das Gefühl, dass der politische Umgang mit den Medien ein Abziehbild der USA wird.“
- „Herr Röwekamp, Sie sollten sich schämen!“
Auch Radio Bremen meldete sich in den sozialen Medien zu Wort – mit dem Hinweis, man nehme Röwekamps Kritik „ernst“. Man bedauere, dass der CDU-Mann den Sender boykottiert. „Radio Bremen abzuwerten, statt sich dem Austausch zu stellen, fördert eher Populismus als den demokratischen Diskurs“, gaben sie dem Politiker mit auf den Weg.
Gegenüber FOCUS online ging der Sender jetzt konkreter auf das schwierige Verhältnis zu Thomas Röwekamp ein.
Auf die Frage nach dem Grund für das Zerwürfnis teilte eine Sprecherin mit: „Es gibt schon seit einiger Zeit einen Konflikt mit Herrn Röwekamp, über den wir gerne mit ihm gesprochen hätten. Die genaue Ursache können wir leider nicht benennen. Offenbar gibt es bei Herrn Röwekamp unterschiedliche Punkte, die wir gerne mit ihm klären würden.“
Radio Bremen beteuert: Nehmen Kritik „in jedem Fall ernst“
Röwekamps Vorwurf, Radio Bremen würde „unwahr“ über ihn berichten und zugesagte Korrekturen nicht umsetzen, wies der Sender zurück: „Das ist nicht zutreffend“, so die Sprecherin zu FOCUS online. „Der fehlerhafte Zeitbezug in dem Bericht über die Nebeneinkünfte von Thomas Röwekamp wurde umgehend korrigiert.“ Man arbeite „nach gleichbleibenden hohen journalistischen Standards. Unser regelmäßiger Austausch mit dem Publikum zeigt, dass diese Qualität auch wahrgenommen wird.“
Auf die Frage, ob der Sender Röwekamps Vorwürfe kritisch aufarbeitet und ob es personelle Konsequenzen oder inhaltliche Korrekturen gab, antwortete die Sprecherin: „In unseren Programmen gibt es ständig Runden mit internen und externen Kritikern. Dort wird auch über Fehler gesprochen und auch über die Vorwürfe von Herrn Röwekamp.“
Außerdem sagte die Mitarbeiterin des Senders: „Wenn es Kritik an unserer Berichterstattung gibt, nehmen wir diese Hinweise in jedem Fall ernst, prüfen und korrigieren sie, wenn nötig – wie im Fall von Herrn Röwekamp.
Keine Redebedarf: Für Röwekamp Thema „abgeschlossen“
Aktuell ist der Kontakt zwischen dem Bundestagspolitiker und dem Sender komplett abgebrochen. „Wir haben Herrn Röwekamp mehrere Gesprächsangebote gemacht, die er zumindest aktuell nicht wahrnehmen möchte“, so die Radio-Bremen-Sprecherin. „Wir sind allerdings mit der Bremer CDU in einem offenen und konstruktiven Austausch.“ Man hoffe weiter „auf eine positive Reaktion von Herrn Röwekamp“.
Zumindest im Moment sieht es nicht danach aus. Röwekamp scheint bei seiner klaren Abwehrhaltung zu bleiben und an einem Dialog mit den Senderverantwortlichen nicht interessiert. Auf einen ausführlichen Fragenkatalog von FOCUS online antwortete der Politiker nicht. Sein Büroleiter teilte lapidar mit: „Für Herrn Röwekamp ist das Thema abgeschlossen. Er wird Ihre Fragen somit leider nicht beantworten.“
gös/