Auf Insel Pellworm ist Migration kein Problem – Gefahr droht aus anderer Richtung

Wellen, die sich an der Küste brechen und in feiner, nebliger Gischt an den Strand spritzen. Wasser, das ins Landesinnere fließt und saftig grüne Wiesen, auf denen viele Schafe weiden: Die Nordseeinsel Pellworm ist eine Idylle par excellence – und ein natürlicher Schutz für die norddeutsche Küste.

Doch das Paradies ist in großer Gefahr.

Gelingt es der Menschheit nicht, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten und die Erwärmung durch den menschengemachten Klimawandel zu begrenzen, könnte der Meeresspiegel bis 2100 laut Experten um einen Meter steigen. Für Pellworm, das knapp einen Meter unter dem heutigen Meeresspiegel liegt, wäre das katastrophal:

Bei einem Deichbruch während einer Sturmflut könnte die Insel volllaufen wie eine Badewanne und komplett überflutet werden.

Viele Menschen klagen, die aktuelle Politik gehe an ihrer Lebenswirklichkeit vorbei. Doch was wünschen sie sich? Wie geht es ihnen? FOCUS-online-Reporter reisen drei Monate durch Deutschland und fangen die Stimmung ein – für eine Serie mit 101 Folgen.

Trauminsel Pellworm: Meer, Wiesen – und eine große Sorge

Die Bewohner der bedrohten Insel, von denen einige vor wenigen Jahren erfolgreich gegen die Bundesregierung klagten , weil sie ihrer Aufgabe zum Klimaschutz nicht nachgekommen war, machen sich Sorgen. Große Sorgen. Unter ihnen ist auch Ernst August Thams, Landwirt und ehrenamtlicher Deichgraf der Insel.

Der 63-Jährige liebt Pellworm. Hier ist er geboren und aufgewachsen. Als Landwirt kennt er fast jeden Zentimeter seiner Felder und Wiesen und ist – Rente hin oder her – jeden Tag unterwegs.

Wenn er und seine Frau mal vergessen, die Haustür ihres alten Backsteinhauses abzuschließen, ist das kein Problem: Die Insel ist so ruhig und friedlich, dass gerade mal ein Polizist dort patrouilliert.

Zu ihrem Haus, das auf einem Hügel liegt und so vor dem Meerwasser geschützt ist, gehören auch ein landwirtschaftlicher Betrieb und ein florierender Hofladen. Hier verkaufen sie Konserven oder Rindfleisch aus eigener Herstellung, aber auch Gemüse von Händlern aus der Umgebung.

Wer will, kann auch einen üppigen Frühstückskorb bestellen, den Thams dann ausfährt. Die Familie ist mit ihrem Leben zufrieden, das Geschäft läuft gut. Sie genießen die hohe Lebensqualität auf ihrem Inselparadies.

Ernst August Thams: Zuwanderung hier „kein Problem“

Daran hat auch nichts geändert, dass die 1200 Einwohner zwischen 40 und 60 Flüchtlinge auf ihrer Insel aufgenommen und erfolgreich integriert haben, wie Thams erzählt. Zuwanderung, die andere Gemeinden in Deutschland an den Rand der Verzweiflung treibe, sei hier „kein Problem“. Der Landwirt: „Wir haben sie aufgenommen, wir haben sie integriert. Das war machbar. Aber bei 400 oder 500 Menschen wäre das nicht so einfach gewesen“, sagt er.

Nicht das Thema Flüchtlinge treibt die Insulaner also um. Es sind andere Dinge, die ihnen Sorgen machen: Milde Winter, heftigere Stürme, mehr Sturmfluten. Generell spüre er, dass „durch den Klimawandel mehr Extremwetterlagen auf unsere Insel treffen“, sagt Thams im Gespräch mit FOCUS online.

„Wir haben auf unserer Insel und vermutlich in der ganzen Region mehr Niederschläge, das ist kein gleichmäßiges Wetter mehr“, sagt er. „Auch die durchschnittliche Niederschlagsmenge hat in den letzten 20 Jahren um 100 bis 150 Millimeter pro Jahr zugenommen. Das heißt, wir kommen jetzt auf 900 bis 950 Millimeter Regen im Jahr.“

Dass er sich so viel mit Regen beschäftigt, hat einen Grund: Thams ist als ehrenamtlicher Deichgraf nicht nur für die Deiche um seine Insel herum zuständig, sondern auch die Entwässerung: Weil Pellworm unterhalb des Meeresspiegels liegt, würde die Insel ohne das ausgeklügelte System an Deichen regelmäßig überflutet werden.

Tritt der Katastrophenfall ein, muss Thams Deiche bewachen

Tritt der Katastrophenfall ein, zum Beispiel aufgrund einer Sturmflut, dann ist Thams derjenige, der die Deiche bewachen muss.

Der Klimawandel führt zu mehr Extremwetterlagen wie Starkregen, das hat die Flutkatastrophe im Ahrtal schmerzhaft verdeutlicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Ereignisse häufiger auftreten: Steigend.

Dafür gibt es verschiedene Ursachen, die miteinander verwoben sind. Dazu gehören zum Beispiel die schmelzenden Polkappen und ein schwächelnder Golfstrom , wodurch wiederum vermehrt Tiefdruckwetterlagen in Europa auftreten können, heißt also: mehr Regen, mehr Sturmfluten an den Küsten. Also genau das, was Ernst August Thams in den letzten 20 Jahren verstärkt wahrgenommen hat.

Auf die Frage, was seiner Meinung nach zu tun sei, seufzt der 63-Jährige. „Ich weiß es nicht. Es ist doch eigentlich klar, was passiert: Der Meeresspiegel steigt, allein bei uns ist er in den letzten 45 Jahren um mehr als 20 Zentimeter gestiegen”, erklärt er. Die Gefahr, dass Pellworm wie eine Badewanne vollläuft und nicht mehr entwässert werden kann? Das kennt er nur zu gut.

Bedroht wird die Insel nicht nur von den schleichenden Wassermassen, sondern auch von oben: Wie überall in der Bundesrepublik kämpfen Landwirte mit Extremwetter , zum Beispiel anhaltenden Dürreperioden, gefolgt von Starkregen, mit katastrophalen Folgen für die Ernte. Weil die Winter milder sind, überwintern mehr Gänse auf der Insel und fressen die Felder der Bauern leer, das Ökosystem leidet unter den massiven Veränderungen.

Pellworm wird zum Ground Zero der Klimakrise.

„Langfristig müssen wir eben die Deiche erhöhen“

Dennoch will er die Hoffnung nicht aufgeben, schließlich sei der steigende Meeresspiegel nicht nur ein Problem der Deutschen, meint er. „Die Holländer sind auch betroffen, und die sind da deutlich entspannter. Was wir einfach tun müssen, ist zum Beispiel, unsere Deiche wieder zu erhöhen”, fordert Thams.

Die Außendeiche seien zwar in einem guten Zustand, aber wenn der Meeresspiegel weiter steigt, müssen sie erhöht werden. Technisch sei das durchaus machbar. Das Problem sieht er eher in der lahmenden Bauwirtschaft: Ob Brücken oder Straßen, alles dauere viel zu lange, zu viele Nebenschauplätze und keine Anpack-Mentalität, so sein Urteil.

Zerknirscht gibt er zu, dass sich die Pellwormer Sorgen um ihre Sicherheit machen und sich Investitionen in den Deichbau wünschen. „Ich wische die Sorgen immer vom Tisch, denn noch sind wir sicher. Aber langfristig müssen wir eben die Deiche erhöhen.“

FOCUS online schickt in den kommenden Wochen Reporter quer durch Deutschland, um die aktuelle Stimmung einzufangen. Auch Sie können uns schildern, was sie bewegt, was sie ärgert, was sich ändern sollte. Schreiben Sie an mein-bericht@focus.de

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Niederlande – anders als Deutschland – in ein monumentales System von Deichen, Sperrwerken und Schleusen investiert haben, um die weiter im Landesinneren liegenden Deiche zu entlasten. Im Falle einer Jahrhundertflut liegt die Last des Hochwasserschutzes also nicht mehr allein auf Deichen und Entwässerungssystemen.

Die niederländische Regierung investiert auch viel Geld und Ressourcen, um sich auf weitere Szenarien vorzubereiten. Anstrengungen in diesem Ausmaß hat es in Deutschland bisher nicht gegeben.

Ernst August Thams blickt trotz der Sorgen um seine Insel und das Land zuversichtlich in die Zukunft. Er hat sparsam gelebt und einiges für das Alter zurückgelegt. „Ich bin ein genügsamer Mensch und habe keine großen Ansprüche“, sagt er und lacht herzlich. „Wir haben es gut auf der Insel, ich kann mich bewegen, habe zu essen und zu trinken. Ich glaube, es würde manchen gut tun, sich auf diese Dinge zu konzentrieren“.

sth/