Brisante Theorie zu Mannheim-Todesfahrt: Kopierte Alexander S. Islamisten-Terror?

FOCUS online: Herr Petermann, wieder ist ein Autofahrer offenbar bewusst in eine Menschenmenge gerast. Die Ermittler sprechen von „konkreten Anhaltspunkten für eine psychische Erkrankung des Täters“. Wie blicken Sie auf die Todesfahrt von Mannheim?

Axel Petermann: Das stringente Vorgehen des Täters, insbesondere sein Verhalten nach der Tat, spricht dafür, dass er die Tat in seiner Gedankenwelt vorbereitet und verschiedene Abläufe durchdacht hat. Die Methode, mit einem Auto in eine Menschengruppe zu fahren, erinnert zwar an frühere Fälle wie in München, doch hier scheint es sich um einen anderen Tätertyp zu handeln – offenbar jemanden mit starken psychischen Problemen. Das deutet auf eine mentale Störung hin, weshalb die Tat auch anders zu bewerten ist.

Für mich entsteht der Eindruck, dass die Vielzahl ähnlicher Taten in letzter Zeit in der Öffentlichkeit eine große Wirkung gezeigt hat. Das kann auch Menschen mit psychischen Störungen dazu anregen, ähnliche Taten zu begehen. Es kommt auf ihr Krankheitsbild an, doch sie haben möglicherweise den Wunsch, Chaos zu stiften, Menschen zu töten, und bedienen sich dabei eines einfachen Mittels – in diesem Fall eines Fahrzeugs. Man könnte hier von einem Nachahmungseffekt sprechen.

Islamisten-Terror als Vorbild? „Solche Taten können wie ein Samenkorn wirken“

Was passiert im Kopf eines potenziellen Nachahmers?

Axel Petermann: Täter treffen – und natürlich auch solche, die an psychischen Störungen erkrankt sind, ob sie nun rational sind oder nicht, (soweit es ihnen möglich ist) – ständig Entscheidungen während der Tat. Wir wissen nicht, welche psychischen Störungen bei dem Täter im Einzelnen vorliegen. Es könnten Verfolgungsängste oder zerstörerische Fantasien sein, denen sie nachgehen wollen. Dabei stellt sich ihnen die Frage, welches Tatmittel sie wählen.

Ein Messer oder eine Pistole wären ebenfalls möglich, aber der Zugang dazu könnte schwieriger sein. Zudem wäre man leichter zu überwältigen als jemand, der in einem Auto sitzt. Ein Fahrzeug ist leicht zu beschaffen und – wie die Medienberichte zeigen – äußerst wirkungsvoll.

Gibt es hier Parallelen zu anderen öffentlichkeitswirksamen Taten?

Axel Petermann: Dieses Muster haben wir bereits bei den Schulmassakern um die Jahrtausendwende gesehen. Damals gab es zahlreiche Nachahmer, die ähnliche Taten androhten oder tatsächlich umsetzten. Herausragende Verbrechen, die viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, können bei bestimmten Menschen Anerkennung finden. Manche wollen das Gleiche erleben, denselben Ruhm erlangen wie ihre Vorbilder. Ich möchte betonen, dass das nicht zwingend auf den Täter von Mannheim zutreffen muss, aber Taten wie beispielsweise in München, Magdeburg oder Berlin, können wie ein Samenkorn wirken, das schnell wächst und andere ermutigt, es den Tätern nachzutun.

Alexander S.: „Bei psychisch kranken Menschen kann das Krankheitsbild volatil verlaufen“

Der mutmaßliche Täter war offenbar vor zehn Jahren wegen Körperverletzung inhaftiert und fiel zuletzt 2018 mit „Hate Speech“ auf Facebook auf. Was sagt Ihnen das über das Täterprofil? Und warum lebte er offensichtlich 7 Jahre lang unauffällig?

Axel Petermann: Vielleicht durchlebte er zwischenzeitlich eine gute Phase, in der seine Krankheit nicht zum Ausbruch kam. Möglicherweise hatten sich seine Lebensumstände geändert. Wir wissen nicht, wie lange er schon allein lebte. Nur weil er ledig war und keine Kinder hatte, heißt das nicht, dass er nicht in Beziehungen gelebt haben könnte.

Bei psychisch kranken Menschen kann das Krankheitsbild volatil verlaufen. Es gibt immer wieder Fälle, in denen Menschen lange ein relativ normales Leben führen und dann plötzlich Schübe bekommen – sei es in Form von Schizophrenie oder Verfolgungswahn – die letztlich zur Eskalation führen.

Solche Veränderungen müssten doch im sozialen Umfeld auffallen, oder?

Axel Petermann: Die Ermittler berichten, dass er alleine lebte und keine Kinder hatte. Das könnte darauf hindeuten, dass er ein einsamer Mensch war, ohne enge soziale Kontakte. Vielleicht gab es in seinem Leben wenig Wärme und Nähe, sodass sich niemand um seine Probleme kümmerte. Möglich, dass er in seiner Gedankenwelt gefangen war.

Schreckschusspistole zeigt, dass Täter „keinen Zugang zu scharfen Waffen hatte“

Der Tatverdächtige hat sich bei seiner Festnahme offenbar mit einer Schreckschusspistole in den Mund geschossen. Was sagt Ihnen das als Profiler?

Axel Petermann: Es könnte sich um einen Suizidversuch gehandelt haben, vor allem, da er offenbar lebensgefährlich verletzt wurde. Das könnte Teil seiner Tatplanung gewesen sein: Falls er gestellt würde, wollte er sein Leben beenden.

Die Nutzung einer Schreckschusspistole zeigt aber auch, dass er offenbar keinen Zugang zu scharfen Waffen hatte. Auch dies deutet darauf hin, dass er während der Tat, aber auch bereits in der Vorbereitungsphase, Entscheidungen treffen musste – abhängig davon, welche Mittel ihm zur Verfügung standen und wie es um seine organisatorischen Fähigkeiten bestellt war.

Mannheim: „Tat könnte 'Bankrotterklärung' an sich selbst gewesen sein“

Spricht das nicht für geringe intellektuelle Fähigkeiten oder zumindest eine eingeschränkte Planung?

Axel Petermann: Es ist durchaus denkbar, dass der Täter einen simplen Plan hatte: Er nimmt das Auto, fährt in die Menschenmenge und, falls er nicht entkommen kann, tötet er sich selbst. Wenn man niemanden hat, der auf einen wartet, könnte dies eine Art „Bankrotterklärung“ an sich selbst gewesen sein. So etwas wäre dann ein letzter Akt, um mit einem „Knall“ aus dem Leben zu scheiden.

Der Täter hätte auch am Sonntag beim stark gesicherten Fasnachtsumzug mit 250.000 Menschen zuschlagen können. Stattdessen wählte er den Montag. Was bedeutet das?

Axel Petermann: Das könnte eine bewusste Entscheidung gewesen sein. Am Sonntag hätte er möglicherweise mehr Menschen töten können, aber er musste auch damit rechnen, dass sein Vorhaben aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen verhindert wird.

Die Entscheidung für den Montag könnte Teil einer perfiden Kosten-Nutzen-Abwägung gewesen sein. Vielleicht wollte er dennoch eine bedeutende Tat begehen, ohne zu hohes Risiko einzugehen. Möglicherweise hat er am Ende seine Tatplanung mit einer gewissen Kalkulation durchgeführt – und das könnte dann für ein hohes Maß an Planung und Zielgerichtetheit, trotz seiner möglicherweise eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten, sprechen.

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