Offenbar gibt es sehr viele Menschen, die sich die Zeit genommen haben, sich ausführlich über die Neuverfilmung von „Schneewittchen“ aufzuregen. Kaum eine Kritik, die ohne die Worte „woke“/ „wokeness“ (gern kombiniert mit „-Wahnsinn“) auskommt. Erstaunlicherweise kommen die meisten Artikel jedoch problemlos ohne das Wort „Kind(er)“ aus. Ihre Perspektive scheint für die meisten Verfasser vernachlässigbar zu sein.
Aber nehmen wir mal an, Schneewittchen wäre nicht für über-50-jährige Filmkritiker, sondern tatsächlich für Kinder gedreht worden, die Märchen mögen – wie fänden sie den Film wohl?
Meine Tochter ist ein Hardcore-Märchen-Fan. Kaum ein Tag, an dem wir keine Märchenbücher lesen. Schneewittchen steht hoch im Kurs. Neben der Geschichte kannte sie bisher nur die gemalte Disney-Version aus dem Jahr 1937 – allerdings nicht in Bewegtbild, sondern nur aus ihren Stickerbüchern. Am Tag des Kinobesuchs ist sie in Hochstimmung.
Weiß wie Schnee?
Mit großen Augen sitzt sie im Kinosessel. Nach einer Viertelstunde hat sie beide Versionen von Schneewittchen kennengelernt: das kleine Mädchen, das noch beide Elternteile hat – und das etwas ältere, das unter seiner Stiefmutter leidet. „Hast du dir Schneewittchen so vorgestellt?“, flüstere ich. „Ich dachte, sie trägt ein anderes Kleid“, antwortet meine Tochter.
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Gewaltig war die Aufregung darum, ob eine US-Amerikanerin mit kolumbianisch-polnischen Wurzeln Schneewittchen spielen darf. Denn damit wird schließlich die gesundheitlich besorgniserregende Vorgabe einer Haut „so weiß wie Schnee“ übergangen. Und was sagt das durchaus Grimm-textsichere Mädchen dazu? Ihr ist es überhaupt nicht aufgefallen.
Verzückt hört sie zu, wie Schneewittchen am Brunnen „Ich wünsch, es wäre wahr“ singt. An manchen Stellen formt sie mit den Lippen die Worte nach. So prägt sie sich den Text fürs spätere Nachspielen ihrer Lieblingsszenen zuhause ein. Beim Blick in die Reihen scheint es mir, als wären im Kinosaal jene in der Mehrheit, die sich für das nächste Rollenspiel wappnen statt für eine Kulturkampf-Diskussion.
Die FSK-Freigabe macht mir mehr Sorgen als der Cast
Als der Jäger Schneewittchen in den Wald bringt, wispert meine Tochter zufrieden: „Das ist das Kleid, das ich gemeint habe.“ Schneewittchen ist jetzt mit gelbem Rock und blauem Oberteil unterwegs, das dem aus ihrem Stickeralbum ähnelt.
Kurz darauf klettert sie aus ihrem Kinosessel auf meinen Schoß. Schneewittchen flieht jetzt. Sie hetzt durch einen Wald, in dem Äste und Wurzeln nach ihr zu greifen scheinen, beobachtet von glühenden Tieraugen. Der Hinweis, dass der Film (FSK 0) durchaus einige beängstigend inszenierte Szenen beinhaltet, bei denen man sich überlegen sollte, ob das eigene Kind sich nicht zu sehr fürchtet, war mir übrigens zuvor in keinem der vielen empörten Artikel begegnet. Die Bedrohung durch einen Wokeness-Overload herauszuarbeiten schien für die Verfasser Priorität zu haben.
Ich spüre, wie meine Tochter sich entspannt, als sich herausstellt, dass die glühenden Augen zu einem niedlichen Reh gehören. Eine ganze Schar animierter Tiere taucht auf und führt Schneewittchen ins Haus der sieben Zwerge.
Sieben unlustige Wesen
Die Entspannung meiner Tochter steht in Kontrast zu dem gesellschaftlichen Minenfeld, auf das sich der Film hier gerade wagt. Schon im Vorfeld hatte es zunächst Kritik des kleinwüchsigen Hollywood-Schauspielers Peter Dinklage am „Zwerge“-Narrativ gegeben. Disney hatte daraufhin angekündigt, statt der sieben Zwerge werde Schneewittchen auf sieben „magische Wesen“ treffen, um keine unangebrachten Stereotype zu reproduzieren. Das rief wiederum Kritik hervor: woke und so.
Dass Schneewittchens Gefährten im Film nicht als Zwerge bezeichnet werden, ist meiner Tochter nicht aufgefallen. Der Humor, den die Filmemacher hier platziert haben, allerdings auch nicht. Die Streitereien und Missgeschicke von Schneewittchens Gastgebern sollen vermutlich amüsant sein. Bei meiner Tochter jedoch fallen sie durch. Während sie und ihre Geschwister sich jedes Mal schlapp lachen, wenn die Mäuse in der alten Cinderella-Verfilmung den Hauskater ärgern oder die Palast-Wachen in Robin Hood übereinander stolpern, verzieht sie hier keine Miene.
Meine Tochter erlebt ein anderes Schneewittchen
Im Weiteren sieht meine Tochter ein aktives und mutiges Schneewittchen: Es bleibt nicht etwa im Haus seiner sieben Gastgeber und schmeißt ihnen den Haushalt. Stattdessen will es die Verhältnisse selbst verändern und die Herrschaft der bösen Königin beenden.
Das neue Schneewittchen ist auch nicht so doof, der getarnten Stiefmutter drei Mordversuche zu ermöglichen, nur weil es trotz aller Warnungen einem neuen Schnürriemen, einen schönen Kamm und einem roten Apfel nicht widerstehen kann. In der neuen Version trickst die böse Königin das Schneewittchen nur ein Mal aus. Und zwar mit empfängerorientierter Kommunikation, als sie die Erinnerung an ihren Vater beschwört.
Echte Sorge um die Hauptdarstellerin
Als Schneewittchen nach dem Biss in den Apfel schließlich reglos da liegt, ist meine Tochter ergriffen. „Wir wissen doch, dass es wieder aufwacht“, flüstere ich ihr zu. „Aber vielleicht hier nicht, weil hier sind manche Sachen anders“, erwidert sie besorgt. Zum Glück wurde das Drehbuch hier nicht geändert. Ich glaube, es wäre die einzige Änderung gewesen, die mein Märchen-Fan den Filmemachern nicht verziehen hätte.
Als ich meine Tochter nach dem Film frage, wie sie Schneewittchen fand, ist das erste Wort “schön”. Dann redet sie nochmal über seine Kleider. Aber dann fällt tatsächlich das Wort “mutig”.
Auch der Prinz ist kein Prinz mehr, sondern irgendwas zwischen Räuber und Freiheitskämpfer. Er kommt nicht erst am Ende ins Spiel und verliebt sich in die vermeintliche Leiche eines Mädchens, das er noch nie lebendig gesehen hat. Stattdessen lernt er Schneewittchen schon früher kennen und steht ihr auf ihrer Flucht bei.
Schluss mit den Waschlappen-Vätern
Als ich mit meiner Tochter über die Abweichungen vom Märchen spreche und wir auf den Nicht-Prinzen zu sprechen kommen, sagt sie: „Das macht nichts. Er wird ja nachher König, wenn Schneewittchen ihn heiratet.“
Nach all den Märchen, die ich meinen Kindern vorgelesen habe, lässt mich das angepasste Männerbild im neuen „Schneewittchen-Film“ aufatmen. Die Waschlappen-Väter aus den Grimmschen Versionen haben nämlich durchaus Fragen bei uns aufgeworfen: Was sind das für Männer, die ihre bösartigen neuen Frauen deren Stieftöchter drangsalieren und demütigen lassen? Was stimmt nicht mit dem Typen, der nichts dabei findet, sein eigenes Kind plötzlich „Aschenputtel“ zu nennen? Und wie kann man sich bitte von der Stiefmutter überreden lassen, seine Kinder zum Sterben im Wald auszusetzen?
Mehr als einmal haben sie sich besorgt rückversichert, dass ihr Papa sowas nicht machen würde. Der gütige Vater des neuen Schneewittchens ist übrigens von der Stiefmutter fortgelockt und kaltgestellt worden und konnte so im Film der Waschlappen-Rolle entgehen.
Meine Tochter regt sich über ganz andere Dinge auf als die Kritiker
Das Kino-Fazit meiner Tochter fällt so aus: Schneewittchen ist wunderschön, das Reh süß, das zweite Kleid besser und der Film sehr aufregend.
Ihre Aufregung jedoch bezog sich auf die böse Königin, die Verfolgungsjagd im Wald, das reglose Schneewittchen. Und nicht auf die Hautfarbe, die sonstige Diversität des Casts und Begrifflichkeiten. Vielleicht muss man aus dem Film gar keinen Kulturkampf machen – sondern ihn sich einfach mit Kindern anschauen, von denen man denkt, dass er ihnen gefallen wird.