Der Autozulieferer Bosch hat angekündigt, weltweit 5.500 Stellen zu streichen. Mehr als zwei Drittel davon in Deutschland. FOCUS online sprach mit Dirk Taffe, Betriebsratsvorsitzender am – noch - größten deutschen Cross-Domain Computing Solutions (XC)-Standort in Leonberg und Gesamtbetriebsratsmitglied des Bosch-Unternehmensbereiches Mobility (BBM). Der 61-jährige ist seit über 20 Jahren Betriebsrat und zeigt sich erschrocken über das für ihn völlig neue Gesicht des Konzerns.
Bosch-Betriebsratsvorsitzender: „Es ist verstörend“
FOCUS online: Herr Taffe, was sind Ihre Gedanken zum angekündigten Stellenabbau bei Bosch?
Dirk Taffe: Da geht mir vieles durch den Kopf. Ich mache mir Gedanken über mögliche Managementfehler, über meinen eigenen Beitrag als gewählter Arbeitnehmervertreter, vor allem aber über den Aspekt Menschlichkeit.
Vielleicht zunächst zu Ersterem: Wo wurden aus Ihrer Sicht möglicherweise Fehler gemacht bzw. was läuft aktuell schief?
Taffe: Ich frage mich, vereinfacht gesagt, ob man es nicht zweimal übertrieben hat. Einmal vor ein paar Jahren, bei den Einstellungen. Und jetzt beim schnellen Abbau noch einmal.
Inwiefern könnte der Konzern es bei den Einstellungen „übertrieben“ haben?
Taffe: Ich spreche jetzt mal für unseren Standort in Leonberg. Hier im Geschäftsbereich Cross-Domain Computing Solutions (XC) arbeiten hauptsächlich Softwareentwicklerinnen und -entwickler im Bereich hochautomatisiertes Fahren - also an Aufgaben, die künftig teilweise künstliche Intelligenz übernehmen kann.
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Wir reden über 3700 Beschäftigte mit einem festen Arbeitsvertrag, rund 350 Stellen werden aktuell in unserem Betrieb in Leonberg abgebaut und nun drohen bis 2027 nach meiner Schätzung weitere rund 1200 bis 1300 Stellen gestrichen zu werden.
Es ist verstörend, dass ausgerechnet ein zukunftsträchtiger Bereich in Deutschland vom Abbau betroffen ist. Ein Bereich, in dem die Firma Bosch vor allem in den letzten fünf Jahren massiv Mitarbeiter aufgebaut hat.
„'Wir müssen einstellen, einstellen, einstellen', hieß es fast Mantra-mäßig von oben"
Massiv aufgebaut – was heißt das genau?
Taffe: Das heißt, dass unsere Belegschaft zwischen 2012 und 2023 auf ca. 3700 Mitarbeitende mehr als verdreifacht wurde! Von den Streichungen betroffen sind zu über 90 Prozent junge Ingenieure. Viele hat man direkt an den Unis oder Hochschulen abgeworben. Was da unter dem Slogan „War of Talents“ lief, war die Antwort auf die exponentielle Entwicklung in der Digitalisierung und einen Markt in Bewegung.
„Wir müssen einstellen, einstellen, einstellen“, hieß es fast Mantra-mäßig von oben. Wer vorne sein wolle, brauche Manpower. Ich frage mich, was vor allem der „man“, also der Mensch, jetzt neben der „power“ noch zählt. Viele der Leute, die das mit dem Einstellen gesagt haben, wiederholen jetzt in einem Fort „wir müssen abbauen“.
Aber dafür gibt es doch Gründe. Die Wirtschaftslage ist schwierig, der Gewinn bei Bosch ist eingebrochen, angeblich um ein Drittel in 2024.
Taffe: Natürlich sehen auch wir Betriebsräte die Marktentwicklung, die zu korrigierende Gewinnerwartung und wir sehen nicht zuletzt, das deutsche Arbeitskräfte vergleichsweise teuer sind.
Aber?
Taffe: Neben der globalen Ausrichtung an der Zielrendite sehe ich eine soziale Verantwortung des Arbeitgebers, die er in der Vergangenheit übrigens gerne herausgestellt hat. Vielleicht sollte ich das an der Stelle mal betonen: Zu einer Sozialpartnerschaft gehören zwei, Tarifverträge werden immer von beiden Seiten gemacht.
Ich bin seit über 20 Jahren als Betriebsrat im Geschäft. Viele Jahre lang haben wir gemeinsam mit dem Management Lösungen gesucht – und auch gefunden. Aber was ich nun seit anderthalb Jahren erlebe, stellt all das in Frage. Durch „Cash“ getrieben wird der Mensch nur noch zum Kostenfaktor. Ich sage Ihnen ehrlich, da passiert gerade was mit meinem Selbstbewusstsein...
Bosch Mitarbeiter: „Völlige Verstörtheit über das, was vor sich geht“
Sie meinten gerade, der Arbeitgeber hätte seine Fürsorge „herausgestellt“. Wie dürfen wir uns das vorstellen?
Taffe: Die berühmten Obstkörbe, die man eines Tages anfing, in die Abteilungen zu tragen, sind nur ein Beispiel. „people matter“, das war ein Slogan, mit dem die Personalabteilung geworben hat. Als Betriebsräte sind wir davon ausgegangen, dass das echt ist. Im Rahmen zahlreicher Willkommensgespräche haben wir jungen Menschen Hoffnung vermittelt.
Denn nichts anderes macht man schließlich, wenn man dabei hilft, Umzüge zu organisieren, Kindergartenplätze zu finden, wenn man das S-Bahn-Netz erklärt, damit den Neuen der Weg zur Arbeit gelingt. Es macht was mit mir, diesen Menschen jetzt wieder zu begegnen, in einer vollkommen veränderten Situation.
Bei der letzten Betriebsversammlungen in Leonberg Ende 2024 sollen Grablichter aufgestellt worden sein.
Taffe: Das stimmt und Holzkreuze, und das hat aus meiner Sicht gepasst, inklusive der entsprechenden medialen Berichterstattung. Bis dahin hatten wir stets versucht, das innerhalb des Betriebs zu lösen. Aber wissen Sie, irgendwann werden die Sorgen der Menschen zu groß – man will endlich auch im Außen gesehen werden.
Ein Hilfeschrei also?
Taffe: Ja – oder zumindest zum Ausdruck gebrachte Hilflosigkeit, völlige Verstörtheit über das, was vor sich geht. Plötzlich erleben wir denselben Arbeitgeber, mit dem wir eben noch gemeinsam nach Lösungen gesucht haben, eiskalt, unbeweglich. Was wir gerade sehen müssen, ist die hässliche Fratze des Kapitalismus.
Sie klingen fast so, als stünden Sie noch immer unter Schock?
Taffe: Das trifft es tatsächlich ganz gut. Und das erklärt wohl auch, weshalb die Menschen so sehr das Bedürfnis hatten und haben, zusammenzukommen und sich solidarisch zeigen: Noch schlimmer als Existenzangst ist es, für sich allein in dieser Angst gefangen zu sein. Die Betriebsversammlung mussten wir zweimal abhalten, der Andrang war zu groß, um alle Teilnehmende in der Stadthalle unterzubringen. Drinnen herrschte Friedhofsatmosphäre. Hier wurden Arbeitsplätze beerdigt. Viele haben ihren Emotionen Lauf gelassen.
Management: „Weitgehend emotionslos“
Können Sie ein bisschen konkreter werden, wie geht es den Menschen aktuell?
Taffe: Ich glaube, eine Mischung aus tiefer Traurigkeit und Wut beschreibt es am besten. Noch einmal, die Sorgen und damit verbundenen Fragen sind existenziell. Wie kann ich mir die Miete noch leisten? Wie die Finanzierung des Hauses, das ich gekauft habe, nachdem ich extra wegen des Jobs hergezogen bin?
Übrigens: In nicht wenigen Fällen aus Ländern von über 50 Nationen - auch aus dem Ausland wurden zahlreiche Fachkräfte angeworben. Viele vom Abbau betroffene haben Kinder. Wie steht es um deren Zukunft?
Wir tauschen uns derzeit viel mit der betrieblichen Sozialberatung aus. Nur so viel: Das Thema Sucht war bei uns bisher unauffällig. Jetzt scheint es sichtbar zu werden. Auch Depressionen werden häufig angesprochen. Und Schlaflosigkeit sowieso.
Glauben Sie, dass währenddessen im Management ruhig geschlafen wird?
Taffe: In ruhigen Momenten sieht man hier vermutlich schon, dass es schlimm ist, was da gerade mit den Menschen geschieht. Hätten Sie mich dasselbe vor einem Jahr gefragt hätte ich gesagt:
Doch, ich glaube, die schlafen selbst nicht gut. Inzwischen ist mein Eindruck, das ist alles von oben durchgesteuert und wird entsprechend unhinterfragt und damit weitgehend emotionslos weitergegeben. Nach dem Motto: An der Zielrendite festhalten, dem muss alles andere untergeordnet sein.
Auch der Mensch meinen Sie?
Taffe: Ein Stück weit schon. Andernfalls hätte man sich etwas mehr Zeit gelassen und wäre vielleicht wenigstens hier und da doch noch einmal kreativ geworden. Schauen Sie, wir haben hier jahrelang ein Zukunftsfeld beackert. In der Autoindustrie sogar das Zukunftsfeld schlechthin.
Denn nichts anderes sind die Themen Elektroantrieb und elektronische Architektur, das sogenannte Software-definierte Fahrzeug (SDV). Der Verbrenner ist die Zukunft jedenfalls nicht, das wissen wir. Vor allem, wenn ich mich an die Gespräche zur letzten Abbauwelle erinnere, ärgere ich mich.
Warum?
Taffe: Bei der ersten Abbauwelle im vergangenen Sommer, als das Unternehmen mit 950 Stellen ins Rennen gegangen ist und wir uns auf 750 Stellen geeinigt haben, dachten wir hinterher, wir sind durch.
Und ehrlicherweise auch: Vielleicht ging es ja wirklich nicht anders. Seit aber dann schon kurze Zeit später von deutschlandweit weiteren 1.800 Stellen die Rede war, kann ich mich des Verdachts nicht erwehren: Der Abbau war viel länger geplant, als man zugibt. Inklusive konkreter Weichenstellungen.
Letzten Herbst wurde klar, dass der Autozulieferer wegen der schwachen Nachfrage weltweit noch viel mehr Stellen streichen will als zunächst gedacht, richtig?
Taffe: Das war die zweite Welle, das ist richtig, aber das mit der schwachen Nachfrage muss ich korrigieren. Gerade hier bei uns in Leonberg wird wie gesagt an Technologien gearbeitet, die Zukunft haben.
Die Wahrheit ist: Ende 2022 hat Bosch an zwei Standorten in China rund 1,6 Milliarden Dollar investiert. Das sind Standorte, die neben anderen für unseren Geschäftsbereich XC entwickeln. Anfang 2023 wurde ein Prüfauftrag gestartet, mit dem Ziel zu ermitteln, wieviel Invest man in Leonberg spart, wenn man ein zugesichertes Zentrum der Fahrerassistenz hier nicht baut: 0,5 Milliarden Euro!
„Ich bin kein Linker. Aber wir brauchen jetzt die Politik an unserer Seite“
Was wollen Sie damit sagen?
Taffe: Dass man sich das mal klarmachen muss: Auf der einen Halbkugel wird investiert, auf der anderen gespart. Das ist eine Seite des Managements, die ich in dieser Konsequenz und Härte so bisher nicht wahrgenommen hatte. Das ist knallharter Kapitalismus.
Werden Sie jetzt politisch?
Taffe: Ich bin kein Linker. Aber wir brauchen jetzt natürlich auch die Politik an unserer Seite.
Für?
Taffe: Die Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Mit knallhartem Kapitalismus meinte ich, es ist grundfalsch, wenn ein Unternehmen den Faktor Mensch so gnadenlos rauslässt. Das steht einem Stiftungsunternehmen nicht gut. Sie merken schon, auch ich bin mittlerweile sehr emotional.
Ich habe einen 16-jährigen Sohn, sorge mich um die Perspektiven junger Menschen im Land. Zumal ich aus zahlreichen Einstellungsgesprächen weiß: Wir haben das Wissen, die „Manpower“. Das ist alles vorhanden, die Leute sind total motiviert, die brennen darauf, die Zukunft mitzugestalten. Eine Zukunft, die es sehr wohl gibt. Nur wie wir jetzt wissen, offensichtlich nicht hier bei uns.