Finanzielle Gewalt: Nach Ehe-Aus treibt Sarahs Ex-Mann sie in den finanziellen Ruin

Was finanzielle Gewalt ist, merkt Sarah Herrmann* erst, als sie sich von ihrem Mann trennt. Plötzlich ist das Geld knapp – und zwar, weil er das so will. Das gemeinsame Konto, auf das er immer Teile seines Einkommens überwies, hat er maximal überzogen und ihre Bankkarte als verloren gemeldet – sie wurde vom Automaten eingezogen. Unterhalt bezahlt er zwischenzeitlich nicht. Er weigert sich, Kleidung, Spielsachen, Schulranzen der Kinder im Alltag zu teilen. Alles muss sie neu anschaffen.

Mit dieser Erfahrung ist Sarah Herrmann nicht allein. Viele Frauen stehen nach der Trennung ohne Geld da, leben wie die 41-Jährige höchstens von ihrem Teilzeitgehalt. Was bei Herrmann dazukommt, ist die finanzielle Gewalt, die ihr (Noch-)Mann ausübt.

Bei finanzieller Gewalt wird Unterhalt oder der Kontozugriff verweigert

Finanzielle Gewalt bedeutet zum Beispiel, dass Zahlungen vorenthalten werden – etwa beim Unterhalt – oder eine Person keinen Kontozugriff mehr auf das gemeinsame Geld hat, erklärt Sally Peters. Sie ist Geschäftsführende Direktorin am Institut für Finanzdienstleistung in Hamburg und recherchiert zu dem Thema.

Finanzielle Gewalt kann laut ihrer Forschung auch vorliegen, wenn Partner gezwungen werden, Verträge mit zu unterschreiben, und sich dadurch verschulden. Oder wenn etwa die Frau im Familienunternehmen des Mannes angestellt ist, ohne sozialversichert zu sein.

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Vor allem Frauen seien von finanzieller Gewalt betroffen, sagt Sally Peters. Wie viele Frauen, könne man nicht sagen. Gerne würde sie dem Thema ein Forschungsprojekt widmen, hat bislang aber keine Mittel dafür bekommen. „Ich merke an den Anrufen und Reaktionen, die wir auf die bisherige Veröffentlichung bekommen haben, dass es ein Thema ist“, sagt sie. Sicher ist: Jede Frau kann betroffen sein , egal, welchen Bildungsabschluss sie oder ihr Mann haben oder in welcher wirtschaftlichen Lage sie stecken.

Sarah Herrmann hat studiert, bevor die Kinder kamen in ihrem Job gearbeitet, sagt sie. Dann hat sie zurückgesteckt, um sich um die Kleinen zu kümmern. Ihren Job gab sie zwischenzeitlich auf, später arbeitete sie wieder in Teilzeit. Ihr Mann machte währenddessen Karriere.

Er drangsaliert sie mit Gerichtsprozessen

Nun drangsaliert er sie mit Gerichtsprozessen, sagt sie. Er widerspreche vor Gericht allem, was sie sagt, ziehe die Prozesse in die Länge und erhöhe so immer wieder die Kosten. Eine beliebte Taktik. „Mit Prozessen kann man jemanden echt mürbe machen, und die Laufzeiten an Gerichten sind zum Teil wirklich bitter“, sagt Forscherin Sally Peters. „Das kann auch für erwerbsarbeitende Frauen ein Problem sein.“ Wenn sie aufgrund ihres Einkommens keine Prozesskostenhilfe bekämen, und weil solche Verfahren oft von keiner Versicherung abgedeckt seien.

Sarah Herrmann hat an den Gerichtskosten auch ganz schön zu knabbern. Die gemeinsame Wohnung zu verkaufen, würde ihr helfen, sagt sie. Doch das blockiere ihr Mann. Selbst, als er rechtlich dazu verpflichtet wird – Sarah Herrmann hat Dokumente, die das belegen – passiert nichts.

„Finanzielle Gewalt ist immer gekoppelt an psychische Gewalt“, sagt Laura Ibáñez Becker von der Frauenberatung Häusliche Gewalt und Stalking der Stadt Stuttgart. Sie berät Sarah Herrmann seit ihrer Trennung und sieht finanzielle Gewalt regelmäßig bei ihrer Arbeit. Die rücke für die Betroffenen in der Regel nur dann in den Fokus, wenn sie existenziell sei. Etwa, wenn die Frauen das Ticket zum Frauenhaus nicht bezahlen können.

Auch für Sarah Herrmann ist das eigentliche Problem der Psychoterror. Ihr Mann erwirke mit kruden Methoden, dass sie die gemeinsame Wohnung nicht mehr betreten darf, sagt sie. Er stelle sie als hysterisch und gewalttätig dar. Er manipuliere die Kinder, hetze sie gegen sie auf. Laura Ibáñez Becker bestätigt all das. Irgendwann, sagt Sarah Herrmann, habe das Gericht ihm zugesprochen, dass die gemeinsamen Kinder vor allem bei ihm wohnen.

Und das, obwohl sie immer bei ihnen war, während ihr Mann seine Karriere verfolgt hat. Eine gut überlegte Entscheidung. Sie habe die Situation akzeptiert, sei zufrieden gewesen und stolz auf seine Karriere. „Ich kümmere mich um dich“, habe er gesagt, und: „Was mir gehört, gehört auch dir“. Wie abhängig sie war, wurde ihr erst viel später bewusst.

Diese Abhängigkeit ist das große Problem, sagt Laura Ibáñez Becker. Sie liegt auch der finanziellen Gewalt zugrunde. Und sie trifft hauptsächlich Frauen: Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten 50 Prozent der Frauen im Jahr 2023 in Teilzeit, aber nur 13 Prozent der Männer. Mütter mit einem Kind unter 18 Jahren waren sogar zu 67 Prozent in Teilzeit angestellt – bei Männern waren es 9 Prozent.

Hilfe und Beratung

Beratung
In Stuttgart bietet etwa die Beratungsstelle FrauenFanal der Stadt Stuttgart Unterstützung bei Gewalterlebnissen an (Telefon: 0711 4800212, E-Mail: frauenberatung@stuttgart.de). Auch an die Stelle Beratung & Information für Frauen (BIF) des Vereins Frauen helfen Frauen können Betroffene sich wenden (Telefon: 0711 6494550, E-Mail: bif@fhf-stuttgart.de).

Weitere Informationen
Gemeinsam mit Birgit Happel, Inhaberin der Finanzbildungsinitiative „Geldbiografien“, hat Forscherin Sally Peters im Frühjahr 2024 eine Stellungnahme zum Thema finanzielle Gewalt gegen Frauen veröffentlicht. Seitdem versuchen beide, ein Forschungsprojekt auf die Beine zu stellen – bisher ohne die nötige Förderung.

Wo fängt finanzielle Gewalt an, wo hören Geschlechterrollen auf?

Deshalb ist es schwer zu sagen, wo finanzielle Gewalt anfängt und wo gesellschaftliche Strukturen aufhören, sagt Forscherin Sally Peters. „Wenn der Mann aufgrund des Gender Pay Gaps mehr verdient und die Familie es sich nicht leisten kann, dass er Elternzeit nimmt“, sagt sie, „dann ist das keine finanzielle Gewalt, sondern die wirtschaftliche Realität“. Gleichzeitig überwiegen ihrer Erfahrung nach noch immer häufig diese traditionellen Geschlechterrollen.

Wie kann man finanzielle Gewalt verhindern? Mehr Wissen über das Thema würde helfen, sagt Sally Peters. Und: „Ich bin überzeugt, dass die Stärkung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen bereits einen großen Unterschied macht.“ Es erfordere Arbeit auf vielen Ebenen.

Dem stimmt Laura Ibáñez Becker zu. Konservative Denkstrukturen müssten aufgelöst werden: Dass Kindererziehung Frauensache ist, dass der Mann arbeiten geht, dass Carearbeit nicht wertgeschätzt wird. Außerdem müsse man Frauen ermutigen, sich mit Finanzen zu beschäftigen. Inzwischen gebe es zahlreiche Beratungsangebote für Frauen und Finanzen. „Man hat gemerkt, dass es da eine Schieflage gibt“, erklärt sie.

Helfen würde auch, wenn Mitarbeiter in Institutionen oder Banken aufmerksam würden. Sie müssten fragen, warum es nur ein Konto für eine Familie gibt, das auf den Namen des Partners läuft. Oder darauf achten, Jobcenter-Leistungen nur auf solche Konten zu überweisen, auf die auch beide Partner Zugriff haben.

Sie konnte sich nur trennen, weil sie sich etwas aufgebaut hatte

Sarah Herrmann hat das geholfen. Auf der Bank wurde sie gefragt, ob sie eine Rentenversicherung hat. Ihr Mann hatte drei, sie keine. „Was mir gehört, gehört dir.“ Daraufhin schloss sie auch für sich selbst eine ab. Zum Glück. Ein Stückchen Unabhängigkeit, auf das sie immer wieder bestand, das sie sich später in der Ehe mit ihrem eigenen Job erarbeitete. Und das ihr schließlich die Freiheit schenkte. „Ich habe es nur gewagt, mich zu trennen, weil ich mir etwas aufgebaut hatte.“

Von Julika Wolf

*Name von der Redaktion geändert

Das Original zu diesem Beitrag "Wie Sarahs Ex-Mann sie finanziell in den Ruin treibt" stammt von Stuttgarter Zeitung.