„Traurig“: Flüchtlinge holen bei Tafel Lebensmittel und verkaufen sie heimlich

Mit dem Negativen anfangen? Oder mit dem Positiven?

Mit den ukrainischen Flüchtlingen, die beutelweise Essen von der Tafel holen und dann wenige Hundert Meter entfernt aus dem Auto heraus verkaufen? Oder mit dem jungen Zuwanderer aus der Türkei, der jede Woche mit dem Fahrrad vorbeikommt und den Mitarbeiterinnen des Sozialzentrums Blumen schenkt – aus Dankbarkeit?

Beginnen wir mit ihr: Eine 79 Jahre alte Frau. Letzten Sommer stand sie auf dem gepflasterten Vorplatz. Schaute sich unsicher um. Dann begann sie zu weinen. Ihr Schicksal – unvorstellbar. Kinder gestorben. Mann gestorben. Sie ganz alleine und verarmt. Keine Unterstützung vom Staat, weil sie mit Rente und Witwenrente knapp über der Grenze ist.

Unglaublich, aber wahr: Die deutsche Rentnerin hatte nicht mal ein Bett. Auch keine Matratze. Sie schlief auf einem dünnen Laken.

Nun stand sie hier. In Zeitz, Sachsen-Anhalt. Freiligrathstraße 41a. Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD), eines der größten Bildungs- und Sozialunternehmen der Republik, betreibt hier neben der Lebensmittel-Tafel eine „Möbelbörse und Sozialboutique“.

Sozialarbeiterin hilft armer Rentnerin, die kein Bett hat

Katrin Lindner war die Frau gleich aufgefallen. „Sie war sauber und ordentlich gekleidet. Aber ich habe gespürt, dass da was nicht stimmt“, sagt die schlanke Frau mit den nach oben gekämmten blonden Haaren und dem perlnachtblauen Shirt mit CJD-Logo.

Sie nahm die Rentnerin beiseite und fragte, warum sie hier sei und wie man ihr helfen könne. Dann berichtete die Dame unter Tränen von ihrer Lage.

„Als ich das abends zu Hause meinem Mann erzählte, musste ich anfangen zu weinen“, gesteht die 51-Jährige. „Das hat mir das Herz zerrissen.“

Sie selbst lebe wahrlich nicht im Luxus, sagt sie. Sie habe ein Dach über dem Kopf, zu essen, eine Familie. „Dass jemand in Deutschland praktisch gar nichts mehr hat, nicht mal ein Bett zum Schlafen, das erschüttert mich. Das macht mich wirklich traurig.“

Viele Menschen klagen, die aktuelle Politik gehe an ihrer Lebenswirklichkeit vorbei. Doch was wünschen sie sich? Wie geht es ihnen? FOCUS-online-Reporter reisen drei Monate durch Deutschland und fangen die Stimmung ein – für eine Serie mit 101 Folgen.

Natürlich hat sie der Rentnerin ein Bett besorgt und es in die Wohnung gebracht. Eine saubere Wohnung. Kein Dreck. Keine Verwahrlosung. Nur Leere. Ein kleiner Tisch, ein Stuhl, eine Miniküche, auf dem Fußboden Bettlaken und Decken. Sonst nichts. Armut. Blanke Armut.

Die alte Frau war ihr unendlich dankbar. „Wir haben ihr auch noch Schränke und andere Sachen angeboten. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte nur ein Bett, in dem sie ordentlich schlafen kann“, erzählt Katrin Lindner, die Helferin in der Not.

Im Frühjahr 2022 begann sie ihre Mission in der Zeitzer „Möbelbörse und Sozialboutique“. Erst ehrenamtlich, seit anderthalb Jahren leitet sie die Einrichtung. 20 Stunden pro Woche. Mehr geht nicht. Eine Lungenkrankheit macht der verheirateten Mutter von drei erwachsenen Kindern das Leben schwer.

Die gelernte Restaurantfachfrau arbeitete lange in der Gastronomie und jobbte dann in einem Möbel-Discounter. Hier, in der Sozialarbeit, findet sie Sinn und Erfüllung. „Für die Aufgabe braucht man ein großes Herz“, sagt Katrin Lindner.

„Und das haben alle in unserem Team“, ergänzt ihre Kollegin Wendy Glaß, die beim CJD für die Koordinierung sozialer Projekte zuständig ist.

Kleinstadt im Osten kämpft gegen Abstieg und Agonie

Insgesamt 23 Frauen und Männer halten den Laden für Bedürftige am Laufen. Die allermeisten machen das ehrenamtlich. Einige Stellen werden vom Jobcenter gefördert. Zwei junge Leute absolvieren hier ihren Bundesfreiwilligendienst.

In einer Region, die nicht wirklich zu den blühenden Landschaften des Ostens zählt, wird jede helfende Hand gebraucht.

Bis zum Mauerfall war Zeitz ein ansehnlicher Industriestandort, vor allem wegen der hier produzierten Kinderwagen. Jetzt stemmt sich die Kleinstadt (rund 28.000 Einwohner, Arbeitslosenquote 9,8 Prozent) wacker gegen Abstieg und Agonie. Einiges geht voran, vieles bleibt noch zu tun.

Rund 3200 bedürftige Familien aus dem Raum Zeitz sind im Sozialzentrum des CJD als Kunden gelistet. Bürgergeldempfänger, arme Rentner, Geringverdiener, Zuwanderer. „Ich schätze, dass rund 80 Prozent unserer Kunden Flüchtlinge sind“, sagt Lindner.

Heute, an einem kalten, aber sonnigen Donnerstag im März, dürften sogar mehr als 90 Prozent der Besucher einen Migrationshintergrund haben. Viele Familien aus der Ukraine sind da, aber auch aus Afghanistan, Syrien, dem Irak. Sie holen ihre Lebensmittel-Tüten vom Schalter der Tafel ab und schauen anschließend in der „Sozialboutique“ vorbei.

Hier können sie für kleines Geld oder mit Warengutscheinen vom Jobcenter Sachen kaufen, die andere Menschen gespendet haben: Deospray, Duschbad, Haarwäsche, Seife, Taschentücher, Zahnpasta, Spülmittel, Wischtücher, Glasreiniger. Preisspanne: 50 Cent bis zwei Euro. Im Regal gegenüber stehen Haushalts- und Küchengeräte sowie Geschirr und Gläser. Eine Filterkaffeemaschine kostet acht Euro.

Herzkammer des Sozialzentrums ist eine etwa 80 Quadratmeter große Halle. Hier stehen Möbel, die das CJD-Team in der Umgebung von Zeitz kostenlos erhalten hat, etwa bei Haushaltsauflösungen. „Wir fahren dann hin und schauen, was noch gut in Schuss ist und was unsere Kunden gebrauchen können“, erzählt Katrin Lindner.

In der Werkstatt werden die Möbel gereinigt und aufgearbeitet, Elektrogeräte geprüft und repariert. Im Verkaufsraum findet man Jugendmöbel von Ikea, Garderoben, Spiegel, Betten, Matratzen, Tische, Schränke, Herde, Regale, Lampen, Gardinen, Spülbecken, Kindersitze.

Das teuerste Stück, das derzeit im Angebot ist: eine mehrteilige Schrankwand, Erle furniert. „Die kostet 120 Euro“, sagt Frau Lindner. Sie hat alle Preise im Kopf. Gleich daneben steht eine Schlafcouch aus terrakottafarbenem Velourstoff für 79 Euro.

Katrin Lindner zeigt auf ein paar kleine Abnutzungsspuren. Es sei „halt keine Neuware“, erklärt sie, dafür „sehr preiswert“. Ein ausziehbarer Esstisch mit vier Stühlen kostet 50 Euro. Auf den Waschmaschinen am Eingang der Halle kleben kleine Zettel „verkauft“. Größere Sachen liefern die Helfer gegen einen kleinen Aufpreis nach Hause.

Manchmal werden Dinge gestohlen, sogar Kinderspielzeug

Mit den Einnahmen soll kein Gewinn gemacht werden. „Die dienen wirklich nur dazu, unsere laufenden Kosten zu decken“, sagt Frau Lindner.

Dazu gehören die Pacht für den Gebäudekomplex, in dem zu DDR-Zeiten die „Gesellschaft für Sport und Technik (GST)“ untergebracht war, eine Art Vorfeldorganisation der Nationalen Volksarmee. Auch die Betriebskosten müssen bezahlt werden, Versicherungen, Aufwandspauschalen, der Unterhalt für die drei Transporter und so weiter.

Die Versorgung der sozial Schwachen läuft in der Regel gut, abgesehen von gelegentlichen Ärgernissen. Dazu zählt für Katrin Linder, wenn Leute mit einem überhöhten Anspruchsdenken vor ihr stehen. Leute, die nur ein Viertel des Preises zahlen wollen oder gar nichts und dann auch noch pampig werden. „Das geht gar nicht.“

Manchmal werden auch Dinge gestohlen, sogar Kinderspielzeug. „Wir wissen immer noch nicht, wie sie es machen, aber sie schaffen es irgendwie“, schüttelt Lindner den Kopf.

Heute ist das Interesse an Möbeln gering. So gut wie niemand verirrt sich in der Halle. Ein Mann, offenbar Ukrainer, will wissen, was ein Falttürenschrank fürs Schlafzimmer kostet. Da er kaum Deutsch versteht, malt die Mitarbeiterin den Preis mit dem Finger auf die Tür: erst eine 7, dann eine 0. „70 Euro“, ruft sie. Der Mann winkt ab. Zu teuer für ihn.

Flüchtling schenkt Mitarbeiterinnen jede Woche Blumen

Reißenden Absatz hingegen finden die Blumensträuße, die eimerweise vor der Möbelbörse stehen. Kosten die Tulpen im Supermarkt 6,49 Euro, gehen sie hier für 50 Cent weg. Und wer zwei Sträuße kauft, bekommt einen dritten umsonst. „Damit wollen wir den Leuten ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern“, sagt Katrin Lindner.

Irgendwann am Nachmittag ist sie es, die lächelt. Auch ihre Kolleginnen sind gerührt. Der Grund: Ein junger Zuwanderer aus der Türkei kommt mit seinem Fahrrad auf den Hof gerollt. Er steigt ab, kauft einen Strauß rote Rosen und schenkt sie den Mitarbeiterinnen der Sozialstation. Jeder Frau drückt er eine Rose in die Hand. Aus Dankbarkeit. Einfach so.

„Er kommt jede Woche hierher und schenkt uns Blumen, die er vorher kauft“, berichtet Katrin Lindner. „Er hat von uns seine Erstausstattung an Möbeln bekommen und ist dafür anscheinend sehr dankbar.“ Das gehöre zu den positiven Seiten ihres Berufs.

„Was mich auch immer wieder berührt, sind die strahlenden Augen und das Lachen von Kindern, wenn sie von uns einen Lolli oder ein Plüschtier geschenkt bekommen.“ Einige Mädchen und Jungen hätten den Krieg miterlebt und in Deutschland endlich Ruhe und Frieden gefunden. „Gerade den Kleinen müssen wir dringend helfen.“

Von einigen wenigen wird die Hilfsbereitschaft jedoch ausgenutzt. Es kam vor, dass Ukrainer frisches Obst und Gemüse, Eier, Butter, Joghurt, Schokolade und andere Lebensmittel aus der Tafel holten und sie wenige Hundert Meter entfernt aus dem Auto heraus verkauften. Katrin Lindner beobachtete zufällig die Szenen, die sie „traurig und wütend“ machten. Sie ist froh, dass solche Sachen nicht mehr vorkommen.

Auch Streitigkeiten zwischen Zuwanderern gehören der Vergangenheit an. Anfangs kam es vor, dass jemand neidisch war, weil der andere die vermeintlich bessere Zahnpasta erhalten hat oder den frischeren Salatkopf.

„So etwas passiert heute nicht mehr“, sagt Katrin Lindner und schiebt nach: „Was auch an unseren fünf ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus der Ukraine liegt. Die können übersetzen, Unklarheiten ausräumen und im Streitfall schlichten.“

„Es macht traurig, Menschen zu sehen, die nichts haben“

Katrin Lindner und ihr Team erfüllen eine wichtige Aufgabe. Eine Aufgabe, die es in einem reichen, hoch entwickelten Staat wie Deutschland eigentlich gar nicht geben dürfte. Aber ohne ein soziales Auffangbecken wie die Zeitzer „Möbelbörse und Sozialboutique“ wären viele Menschen verloren.

„Ich wünsche mir, dass der Staat mehr gegen Armut unternimmt“, sagt die 51-Jährige. Was genau die neue Bundesregierung verbessern müsse, könne sie auf Anhieb gar nicht erklären. „Aber dass sozial Schwache, die oft unverschuldet in Notlagen geraten, mehr unterstützt werden müssen, steht für mich an oberster Stelle.“

FOCUS online schickt in den kommenden Wochen Reporter quer durch Deutschland, um die aktuelle Stimmung einzufangen. Auch Sie können uns schildern, was sie bewegt, was sie ärgert, was sich ändern sollte. Schreiben Sie an mein-bericht@focus.de

Am späten Nachmittag steht eine ältere Frau mit einem Mädchen vor der Möbelhalle, wo die CJD-Mitarbeiterinnen einen kleinen Pavillon aufgebaut haben. Das leichte Stoffdach schützt ein bisschen vor der Sonne. Daneben eine Rollgarderobe mit vielen Kleidern, T-Shirts, Jacken, Blusen, vieles in Kindergrößen.

Das Mädchen schaut schüchtern auf die bunten Stoffe. Ihre Oma zieht eine Bluse von der Stange und hält sie ihrer Enkelin prüfend vor den Körper. Die Kleine lächelt verlegen. „Das sieht wirklich schön aus“, sagt Katrin Lindner. Man spürt, dass sie sich freut und am liebsten gar kein Geld nehmen würde, nicht einmal einen Euro.

„Es macht einfach traurig, Menschen zu sehen, die so gut wie nichts haben“, so Lindner. Manchmal verschenken sie und ihre Leute Sachen an Bedürftige. Am liebsten würden sie allen Armen helfen.

Aber das geht nicht.

gös/